Gaststätten in Walle

 

Gaststätten in Walle (Auszug aus der Ortschronik von Otto Voigt) :

 

Wie an einer anderen Stelle unserer Chronik berichtet wird, wurde im Jahre 1616 im Norden Deutschlands eine Reitpostroute der Kaiserlichen Post Thurn und Taxis eingerichtet, die von Hamburg über Buxtehude-Sittensen-Rotenburg-Verden nach Nienburg-Detmold-Unna und weiter bis Köln führte. Diese berührte also auch Walle und könnte die Veranlassung gewesen sein, dass hier nur fünf Jahre später, 1621, ein "Krug" gegründet wurde, der  heute - nach über 350 Jahren - noch besteht und damit wohl der älteste Gasthof im Verdener Raum ist.

 

Die Kruggerechtigkeit von 1621

 

Über die Verleihung der "Kruggerechtigkeit" (Konzession) wurde eine schön geschriebene Urkunde auf Schweinsleder ausgestellt und von dem Verdener Bischof Philipp Sigismund (1586 - 1623), einem Herzog von Braunschweig und Lüneburg, am 20.4.1621 unterschrieben. Sein  Siegel und das des Domkapitels zu Verden hängen in Wachs in sauber geschnitzten Holzkapseln an.

 

In der Urkunde verlieh Bischof Philipp Sigismund für sich und seine Nachfolger im Stift Verden und mit Wisen und Zustimmung des Domkapitels seinem "lieben getreuen" Heinrich Nacke und dessen Erben "aus gnädiger Zuneigung" den Krug in Walle sowie einige Stücke Land in der gemeinen Heide beim Dieckhof "zur Erhaltung seiner Nahrung". Niemand anders als Heinrich Nacke und seine Erben sollten in Walle einen Krug halten und Bier zapfen dürfen. Dafür sollten sie jährlich 13 ½ Grote und ein Paar Bruchhühner an den Stifthof geben sowie einen halben Gulden anstelle der Dienstleistung mit der Hand.

 

Am Schluss der Urkunde erklärte das Domkapitel, dass die Verleihung mit seinem "Wissen und Wollen" geschehen ist.

 

Für den Leser, den der Wortlaut dieser wertvollen Urkunde besonders interessiert, sei hiermit der Text wiedergegeben, der besseren Lesbarkeit wegen unserer heutigen Rechtschreibung etwas angeglichen:

 

 

"Von Gottes Gnaden Wir Philipp Sigismund, Postulierter zu Osnabrück und Verden, Dompropst zu Halberstadt, Herzog zu Braunschweig und Lüneburg, bekennen endlich mit diesem Briefe vor uns und unsere Nachkommen am Stift Verden, dass wir wohlbedächtlich mit  zeitigem unserem vorgehabten Rate, auch (mit) Wissen und Willen unseres Domkapitels, Unserm lieben  getreuen Heinrich Nacken und seinen Erben aus gnädiger Zuneigung den Krug in unserem Dorf Walle, auch etzliche Stücke Landes, gelegen bei der Länderei zum Dieckhofe in der gemeinen Heide, zur Erhaltung seiner Nahrung eingetan, bewilligt und verschrieben haben.

 

Und tun solches wissentlich mit Kraft dieses unseres Briefes dergestalt und also, dass er und seine Erben denselben Krug und gedachte Ländereien, sonder unser und unserer Nachkommen Verhinderunge und Zusage,  besitzen, gebrauchen, flocken, fleusen, auch niemand anders als Heinrich Nacken und seine Erben daselbst im Dorfe Bier zapfen noch krügen sollen noch mögen.

 

Derentwegen er und seine Erben jährlich an unsern Stiftshof von dem Kruge und Lande 13 ½ Grote und ein Paar Bruchhühner überreichen und für den Handdienst einen halben Gulden jährlich geben und entrichten sollen, welches Kruges und Länderei wir und unsere Nachkommen am Stifte Verden ihn und seine Erben nicht entsetzen können, bei dem allen jederzeit schützen, handhaben und dabei unentwegt belassen, so oft solches Nots und an uns und unsere Nachkommen gesucht wird, ungefährdet.

 

Und Wir, Domdechant, Senior und Kapitel der Kirche zu Verden, bekennen auch nämlich vor uns und unsers Kapitels Nachkömmlingen in diesem Briefe, dass diese vorberührte, unseres gnädigen Fürsten und Herrn Bewilligung mit unserem Wissen und Wollen geschehen. Derowegen willigen und volbörden Wir vor uns und unsere Nachkommen solches alles in Kraft dieses Briefes und haben, des zu Berechtigung und ferneren Glauben, Wir Bischof und Kapitel vor uns und unsere Nachfolger, neben unserem gnädigen Fürsten und Herrn, des Bischofs Siegel und Handzeichen, unser Siegel ad causam diesen Brief wissentlich heißen hängen, der gegeben nach Christi unsers Erlösers und Seligmachers Geburt im tausendsechshundert und einundzwanzigstens Jahre, den 20 April.

 

            Philippus Sigis. D.G. Postul.                          Philippus Sigismundus

                        Siegel:                                                            Siegel.

            Episc.(opus)Osnabrug et Verd.                     Sigillum Capituli Verdensis

              D(ux)Brunsw. - et Luneb.                                         Ecclesiae

 

In dieser Urkunde ist eine Stelle besonders wichtig; denn der Bischof verlieh dem Heinrich Nacke und seinen Erben "den Krug in unserem Dorf Walle, auch etzliche Stücke Landes, gelegen bei der Länderei  zum Dieckhofe". Einmal heißt es "den Krug", der demnach vielleicht schon längere Zeit bestanden hatte. Weiter lesen wir, dass die Stücke Land "bei der Länderei zum Dieckhofe" lagen. Das Land lag also nicht beim Kirchhof und nicht beim Hause des Schulmeisters. Obwohl also in der Urkunde weder ein Kirchhof noch ein Schulmeister erwähnt wird, wird dieses in heimatgeschichtlichen Beiträgen immer wieder behauptet und daraus der Schluss gezogen,

 

1. dass beim Kirchhof eine Kirche gestanden habe,

 

2. dass es in Walle bereits 1621 eine Schule gegeben habe.

 

Die Urkunde kann also für diese Behauptungen nicht als Beweis dienen.

 

Mit Hilfe der Urkunde konnten die Inhaber des Waller Dorfkrugs, der seit 1664 bis heute im Besitz derselben Familie geblieben ist - wenn auch der Familienname sich durch Einheirat mehrmals änderte - über Jahrhunderte das alleinige Krugrecht in Walle behaupten.

 

Ein Nebenkrug in der Franzosenzeit

 

Allerdings ist es wohl möglich, dass zeitweise auf dem einen oder anderen Hof Bier und Branntwein gegen Bezahlung ausgeschenkt wurden. So hatte der Halbmeier Johann Hinrich Müller (Nr. 11) während der "Franzosenzeit" die Erlaubnis für einen "Nebenkrug" erhalten und durch einen Pächter, der wohl das dicht an der Straße liegende Nebenhaus ("Backhus") bewohnte, Getränke ausschenken lassen. Hierauf berief sich Müller, als er Anfang 1814 beim Amt Verden einen Antrag auf "Erteilung der Koncession zur Krugnahrung" stellte.

 

Gegen das Vorhaben Müllers erhob der Kröger Johann Hinrich Schloo beim Amt sofort Einspruch und machte geltend, dass er aufgrund der Urkunde von 1621, die er im Original vorlegte, das alleinige Krugrecht in Walle habe.

 

Auf den Bericht des Amtmanns hin entschied die  hannoversche Regierung, ein zweiter Krug in Walle sei "unthunlich", und lehnte am 2.4.1814 das Gesuch Müllers ab.

 

Am 22.4.1823 beantragte Müller erneut die Erlaubnis, in Walle einen Nebenkrug anlegen zu dürfen. Alle Fuhrwerke, die auf der Strecke von Bremen - Langwedel nach Visselhövede, Walsrode usw. Walle berührten, kämen an seinem Hof vorbei. Für sie sei die Einkehr in Schloos Krug ein Umweg.

 

Müllers Gesuch wurde offenbar vom Untervogt und anderen Einwohnern befürwortet, die dabei gegen den Kröger Schloo Vorwürfe wegen schlechter Krugführung erhoben. Als die Anschuldigungen sich als unzutreffend erwiesen, lehnte die Landdrostei Stade den Antrag Müllers ab mit der Begründung, dass ein zweiter Dorfkrug in Walle "nicht für statthaft zu halten ist.". Mit diesem Bescheid fand sich Halbmeier Müller ab.

 

Gut 40 Jahre später, im Jahre 1869, bemühte sich der "Hokenhändler" (Höker) Hermann Hinrich Rosebrock, der 1863 in die Brinkkötnerstelle Nr. 21 eingeheiratet hatte, "um die Erlaubnis zum Kleinhandel mit Branntwein". Die Dorfschaft unterstützte seinen Antrag mit dem Hinweis, dass die Gastwirtschaft Schloo (seit 1854 Eggers als Interimswirt) außerhalb des Dorfes liege. Auch der Amtsvogt Schlüter wies darauf hin, dass es für die Waller Einwohner nur angenehm sei, wenn eine zweite Schankwirtschaft direkt im Dorf sei. Außerdem würde Rosebrock "sich persönlich zu einem Schenkwirt eignen".

 

Trotz dieser günstigen Beurteilungen lehnte das Amt Verden am 2.3.1870 Rosebrocks Antrag ab mit der Begründung, dass der Krug vollkommen genüge. Auch der Einspruch Rosebrocks gegen diese Entscheidung vom Mai 1870 wurde vom Amt abgelehnt.

 

Der "Schützenhof" von 1872

 

Doch Hermann Hinrich Rosebrock gab sein Vorhaben nicht auf, und nach zwei Jahren erteilte ihm der Kreisausschuss Verden laut Beschluss vom 11.4.1872 endlich die angestrebte Konzession. 1972 bestand der Gasthof also schon 100 Jahre. Der etwa 1867 von Rosebrock gegründete Hökerladen wurde bis 1898 geführt.

 

Eine Postkarte aus dem Jahre 1910 zeigt den damaligen Zustand der Gastwirtschaft. Nach Süden hin war 1907 an die Diele ein mit Pfannen gedeckter Anbau und 1912 eine Wagenscheune angefügt worden, so dass bis 1967 die Möglichkeit zum Ausspann bestand. Die Strohbedeckung des Altbaus wurde 1914 durch ein Pfannendach ersetzt, nachdem ein Stockwerk mit einigen Gästezimmern aufgestockt war. Von etwa 1900 bis 1929 gab es in einem massiven Nebengebäude mit Teerdach eine Kegelbahn.

 

1930 wurde der Gasthof völlig renoviert und 1951 noch einmal durch Gästezimmer erweitert.

 

Als in den Jahren nach 1945 der Autoverkehr auf der Bundesstraße 215 immer stärker wurde, entwickelte sich das Haus zu einer Raststätte für Fernfahrer, die rund um die Uhr geöffnet war.

 

Die schon vor dem Krieg bestehende Shell-Tankstelle (noch mit Handpumpe!) wurde um 1949 aufgegeben, (nachdem der Kaufmann Ramm aus Hamburg beim "Alten Krug" eine neue, moderne Tankstelle mit großem Parkplatz errichtet hatte).

 

1955 wurde an der Nordseite des Gasthofes eine große Veranda angebaut.

 

Obwohl der Bau der Bundesautobahn Bremen - Walsrode mit der Auffahrt Verden-Nord (am 15.7.1963 freigegeben) eine Verlagerung des Fernverkehrs mit sich brachte, machte der steigende Nah und Durchgangsverkehr eine Erweiterung des Gasthofes zum Hotel "Schützenhof" mit Garagen und Autostellplätzen erforderlich.

 

Im August 1964 wurde der Gastraum neugestaltet und der von 1938 bis 1958 geführte Gemischtwarenladen in ein neues Klubzimmer umgebaut.Wegen der ständigen Nachfrage nach Übernachtungsmöglichkeit wurde 1971 durch einen Erweiterungsbau die Zahl der Fremdenbetten auf 15 erhöht. Alle Fremdenzimmer wurden den heutigen Ansprüchen der Gäste entsprechend modernisiert.

 

In der Tat eine beachtenswerte Entwicklung, die innerhalb von 100 Jahren und vier Generationen von einem kleinen Hökerladen mit Ausschank von Branntwein zum modernen Hotel-Restaurant "Schützenhof" führte.

 

 

Zum Alten Krug

Aus der Gaststätte "Zum Alten Krug" wurde das China-Restaurant "Asienperle".

Zum Schützenhof

Der Schützenhof in den Jahren 1900 (Postkarte), 1908,1953, 2007 und am 15.01.2019 (nach dem Abriss).

Als Dorfgasthaus schloss der "Schützenhof" am 28.02 2011 seine Türen.

Collage zur Geschichte des "Schützenhof" von Heinrich Drell jun. / hängt als Leihgabe im Heimathaus "Alte Schule".

Der Schützenhof brannte im September 2018 vollständig ab.

Kontakt

Waller Heimatverein e.V.

Am Schulberg 1 - 3

27283 Verden-Walle

                     

                 Telefon: 04230/94040

  Mail: waller-heimatverein@t-online.de

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